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Texte

Sandra Schnädelbach
"Vorsitzender: 'Angeklagter, warum erlauben Sie Ihrer Frau das Trinken?' Angeklagter: 'Ich erlaube es ihr nicht, aber was soll ich tun? Sie hört doch nicht auf mich. Ich kann sie ja auch nicht jeden Tag schlagen.' Vorsitzender (ohne eine Miene zu verziehen, in scheinbarer Zustimmung): 'Jeden Tag nicht.'" Gelächter im Gerichtsaal, der Witz hat seine Wirkung nicht verfehlt.
© Vossische Zeitung, 12.4.1931
Christian von Scheve
Das nebenstehende Bild erschien am 21.September 2012 in der online-Ausgabe der Berliner Tageszeitung "Der Tagesspiegel". Es zeigt Demonstrantinnen, die in einer nicht näher bezeichneten deutschen Stadt gegen den Kinostart des anti-islamischen Films "Die Unschuld der Muslime" von Nakoula Basseley Nakoula protestieren. Der Film wurde als beleidigend für Muslime angesehen und rief weltweit gewaltsame und friedliche Protestreaktionen hervor. Seine Gegner empfanden, dass der Film sich über ihren Glauben lustig mache, verletzend und entehrend war und forderten unter anderem, dass der Film von der Internetplatform Youtube entfernt werden solle.
© picture alliance/dpa
Margrit Pernau, Max Stille
Guzishta Zamana (Die verflossene Zeit) ist eine Geschichte über den tiefen Schmerz angesichts des unumkehrbaren Verlustes von Zeit. Der 1873 erstmalig veröffentlichte Essay wird bis heute häufig gelesen. Er findet sich beispielsweise in Urdu-Lehrbüchern in Pakistan. Erst vor vier Monaten wurde eine fast vollständige englische Übersetzung der Geschichte aus der Feder eines Urdu-sprechenden Studenten der King Abdul Aziz Universität in einer englischsprachigen Zeitung in Saudi Arabien abgedruckt und von den Urdu-sprechenden Lesern, höchstwahrscheinlich Einwanderern aus Südasien, sehr begrüßt. In einer Audiobuch-Version, die im Internet verbreitet ist, wird das synästhetische Erlebnis der stürmischen Nacht noch durch Soundeffekte verstärkt: man hört den Donner und das Prasseln des Regens. Die Stimme des Sprechers transportiert zudem beim Ausruf "Ach, Zeit!" die Verzweiflung des alten Mannes.
© wikipedia/ privat
Omar Kasmani
In diesem Beitrag werden drei Tonaufnahmen aus zwei bedeutenden, dicht beieinanderliegenden Schreinen in Sehwan, einem wichtigen Ziel für Pilger am Ufer des Flusses Indus in Pakistan, vorgestellt. Obgleich viel kleiner, wird der Schrein von Bodlo in seiner Bedeutung nur übertroffen vom Schrein von Lal Shahbaz Qalandar, dem wichtigsten Heiligen von Sehwan, dessen vorletzter Schüler Bodlo war.
© Omar Kasmani
Daphne Rozenblatt
Wäre Luigi Lucheni in Begleitung von zwei ähnlich gekleideten Männern, von zwei Frauen oder zwei Kindern, wären sein Lächeln und seine fröhliche Stimmung verständlich. Aber flankiert von zwei Polizisten, war sein Lächeln ein Zeichen von Krankheit und Verdorbenheit. Trotzdem ein Lächeln eigentlich ein grundsätzlicher, quasi universaler menschlicher Ausdruck ist, war die Bedeutung dieses Lächelns durch politische, juristische, wissenschaftliche und populäre Diskurse am Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts geformt.
© Wikipedia
Pavel Vasilyev
Wie kann eine juristische Abhandlung eine ertragreiche Quelle für einen Emotionshistoriker sein? Gehört sie nicht zu einer der am stärksten formalisierten Textarten, die an unzählige Konventionen und Restriktionen sowohl hinsichtlich der juristischen Fachbegriffe als auch des wissenschaftlichen Schreibens gebunden ist? Nicht unbedingt – wenn sie beispielsweise in den Jahren nach der Russischen Revolution entstand, in denen tiefgreifende soziale und politische Veränderungen stattfanden, inmitten eines revolutionären Umbruchs, in dem die radikalsten juristischen Reformen der Menschheitsgeschichte umgesetzt wurden.
Anne Schmidt
Der vorliegende Beitrag nimmt ein Artefakt in den Blick, das geschaffen wurde, um aufstiegsorientierte Männer (Frauen gehörten nicht zur primären Zielgruppe) so zu organisieren, dass diese beruflich erfolgreich sein konnten. Das Tagesplanbuch, um das es im Folgenden gehen wird, sollte unter anderem seinem Nutzer eine spezifische emotionale (Selbst-)Führung ermöglichen. Diese wiederum sollte ihn in die Lage versetzen, leistungsstark und produktiv zu sein.
Ute Frevert
Dieses Foto hat Ulrich Schreiterer am 22. Januar 2014 in Delhi aufgenommen. Zufällig war er zur Stelle, als Inderinnen und Inder, meist jugendlichen Alters, am Khan Market, einem teuren Einkaufsviertel im modernen Zentrum der Hauptstadt, demonstrierten. Da er wusste, dass ich mich professionell für Scham und Beschämung interessiere, zückte er die Kamera. Und brachte ein Flugblatt mit, das über die Hintergründe der Protestaktion informierte. Worum ging es?
© Uli Schreiterer
Sebastian Ernst
"Ich mußte aber durch alle diese Versuche vorbereitet werden, um die hernachfolgenden großen Schicksalsschläge, mit Standhaftigkeit erdulden können. Denn hätte ich nicht zuvor auch große Freudenstunden genoßen […] so würde ich gewiß nicht in der Folge 10 ganze Jahre hindurch, ein Sokrates im Magdeburgerkerker gewesen seyn." Diese Sätze von Friedrich Freiherr von Trenck sind Teil der emotionalen Verarbeitung seiner Gefangenschaft und bieten damit einen Einblick in einen spezifischen Ausschnitt räumlich bedingten Fühlens, welches Thema dieser Untersuchung sein soll.
Gian Marco Vidor
Heitere Menschenmengen füllen die Kreuzgänge des monumentalen Friedhofs von Bologna, la Certosa. Es ist Allerseelen, der katholische Festtag, der der “Erinnerung an alle gestorbenen Gläubigen” gewidmet ist. Ebenso wie andere lokale oder nationale Tageszeitungen, wöchentliche oder monatliche Medien veröffentlichte auch die wichtigste lokale Tageszeitung, Il Resto del Carlino, Artikel über die Gedenkfeiern.
© Biblioteca Archiginnasio, Bologna
Joel F. Harrington
Frantz Schmidt (1554-1634), besser bekannt als Meister Frantz, war 45 Jahre lang Scharfrichter in der Reichsstadt Nürnberg. Während dieser Zeit richtete er 394 Personen hin und nahm viele Hunderte Folterungen und Auspeitschungen vor. Er ist uns heute gut bekannt, da er ein Tagebuch über seine berufliche Tätigkeit führte. Ich habe diese Aufzeichnungen als Grundlage für ein Portrait des langjährigen Henkers und seiner Zeit verwendet , aber bis jetzt davon Abstand genommen, Meister Frantz als Autor zu sehen.
© Staatsarchiv Nürnberg
Marie Louise Herzfeld-Schild
Die Kirchenlied-Sammlung "Cantate! Katholisches Gesangbuch nebst Gebeten und Andachten für alle Zeiten und Feste des Kirchenjahres" aus dem Jahr 1847 ist ein eindrückliches Bespiel dafür, dass Kirchengesangbücher sowohl kulturpraktische Zeugnisse ihrer Zeit als auch einen religiösen Bildungskanon darstellen. Sie geben Aufschluss über das Repertoire, das in den unterschiedlichen Gemeinden, Diözesen oder Landeskirchen gesungen werden sollte und weisen damit nicht nur auf die religiösen und musikalischen, sondern insbesondere auch auf die emotionalen Praktiken hin, in deren Umfeld sie entstanden sind.
Rhodri Hayward
Eine illustre Gruppe von Amateur-Anthropologen, Mitglieder der neugegründeten Britischen Forschungsorganisation Mass-Observation, schwärmte am 12. Mai 1937 in London aus, um die kollektiven Fantasien, die mit der Krönung George I. assoziiert wurden, zu erforschen. Mass-Observation war eine eigentümliche Organisation. Angesiedelt irgendwo zwischen einem Meinungsforschungsinstitut und einem surrealistischem Experiment, beabsichtigten seine Mitglieder die geheimen Organisationsprinzipien hinter den von ihnen zusammengetragenen Einzelheiten des alltäglichen Lebens aufzudecken. Am 12. Mai notierten die Beobachter neben anderem die spontanen Feiern der Massen, besondere Formen der Gedenkfeiern und Versuche, Soldaten zu verführen, aber, wie ein Kommentator anmerkte, seltsamerweise erwähnte niemand den Bus-Streik.
© Unity Theatre Trust
Helen Watanabe-O'Kelly
Die „Vollständige Beschreibung aller solennitäten bey dem hohen Königlichen Sicilianischen Vermählungs=Feste“ von Johann Ulrich König aus dem Jahr 1738 dokumentiert die einwöchigen Festlichkeiten, die im Mai 1738 in Dresden anlässlich der Hochzeit der 13jährigen Maria Amalia von Sachsen (1724-1760) mit dem Bourbonen Carlo VII., König von Sizilien (1716-1788) stattfanden.
© Kupferstich-Kabinett, SKD
Luis-Manuel Garcia
"Ich habe immer die falsche Musik gehört", witzelt Richard Dyer in der Einleitung seines Essays "In Defence of Disco", der 1979 im linken britischen Schwulenmagazin Gay Left erschien. "Seitdem ich ein Sozialist bin habe ich mich oft vom Prestige, das Rock und Folk bei den Linken hatte regelrecht terrorisiert gefühlt. Wie konnte ich zwei Petual Clark LPs den Bergarbeiterliedern aus dem Nordosten und den Rolling Stones vorziehen?"
© Gay Left Collective
Sonam Kachru
In Virginia Woolf's "The Waves", sinniert Neville über die Liebe: "Durch eine andere Person zu einem Einzelwesen verbunden zu werden – wie eigenartig." Mehr als eintausend Jahre vorher, ungefähr im 8. Jahrhundert verfasste der Dramatiker Bhavabhati das gefeierte Theaterstück "Der letzte Akt der Geschichte Ramas" (Uttararamacaritam), das uns heute die Möglichkeit gibt, seine Hauptfigur bei ihrem Nachdenken über die Liebe zu belauschen: "Der Zustand, in dem es keine Zweiheit in Freud oder Leid gibt/ wo das Herz Ruhe findet, wo Gefühle nicht mit den Jahren vertrocknen,/ wo Verborgenheiten mit der Zeit wegfallen und die wesenhafte Liebe reift –/ Gesegnet sei dieser Zustand menschlicher Erfüllung, den wir - wenn überhaupt - einmal finden."
Add. 15296 (1), f.111 |
© The British Library
Joseph Ben Prestel
Am 5. Januar 1887 schickte Leutnant Laiber, Leiter des 42. Polizeireviers in Berlin, einen Bericht über die Aktivitäten eines Knabenchores in Kreuzberg an das Berliner Polizeipräsidium. Laiber schreibt darin, dass ein Schutzmann aus seinem Revier namens Werner um zehn Uhr morgens zu einem Mietshaus in der Prinzessinnenstrasse gerufen wurde. Im Hinterhof des Gebäudes traf der Polizeibeamte einen Chor von acht Jungen an, die christliche Lieder sangen. Laiber zufolge war der Chorleiter, ein gewisser Friedrich Marquardt, bei der Aufführung abwesend und hatte die Leitung des Chores einem vierzehnjährigen Schuljungen übertragen. Der Bericht betont, dass die Aufführung ohne die Aufsicht eines Erwachsenen zu einer Belästigung wurde.
© bpk
Christa Hämmerle
In den Literatur-, Sprach- und Kulturwissenschaften werden Liebesbriefe, für die auch das obige Beispiel stehen mag, meist zu einem eigenen Genre erhoben. Zugleich ist ihre Geschichte in einem besonderen Spannungsfeld zu verorten: Sie hat einerseits die starke Normierung eines solchen Genres, das bis weit ins 20. Jahrhundert hinein von literarischen oder ästhetischen Vorgaben und Konventionen determiniert scheint, in den Blick zu nehmen. Andererseits muss sie ebenso die vielen historisch wachsenden Praktiken von Schriftlichkeit berücksichtigen. In der Forschung, die sich lange primär auf bildungsbürgerliche Kontexte und Traditionen des Liebesbriefes konzentriert hat, wird vor allem Ersteres betont: nämlich dass Liebesbriefe als "besondere ästhetische Kommunikationsform", als "cultural artifact" oder "highly coded forms" zu definieren sind.
© Frauennachlässe, Uni Wien
Eric J. Engstrom
Heute widmet sich ein großer Teil der psychiatrischen Historiographie vornehmlich Geschichten der Unterwerfung und Einkerkerung von Patienten. In dieser Art der Geschichtsschreibung gibt es mindestens zwei große Erzählstränge: Einer stellt die Einkerkerung und die Disziplinarregime der Anstalten ins Zentrum, während der andere, davon abgeleitete Ansatz eine Patientenperspektive einnimmt und quasi "von unten" die Auswirkungen dieser Regime betrachtet und/oder den subjektiven Widerstand gegen sie thematisiert. Beide Erzählformen leiten ihre Legitimation (und ihren Elan) von den Vorgaben ab, die sich ihre Autoren selbst als Kritiker psychiatrischer Einrichtungen und medizinischer Praxis gesetzt haben. Eine kürzlich erschienene Monografie stellte sogar apodiktisch fest: "Eine Geschichte der Psychiatrie ist ohne Psychiatriekritik nicht zu schreiben."
© British Museum
Nina Verheyen
Die historische Emotionsforschung ist nicht auf eine bestimmte Quellengruppen festgelegt: Sie kann mit Ratgeberliteratur ebenso arbeiten wie beispielsweise mit Zeitschriftenartikeln, Tagebüchern, wissenschaftlichen Abhandlungen oder vielem mehr. Dabei muss zwischen diesen Textsorten und "Genres" einerseits unterschieden werden. Schließlich verfügen sie jeweils über eigene Genreregeln. Dementsprechend macht es einen Unterschied, ob die Liebe einer Mutter für ihre Kinder von einem Pädagogen in einem Ratgeber eingefordert, von einem Journalisten in einer Familienillustrierten in Szene gesetzt, von einer bürgerlichen Frau selber per Tagebuch introspektiv ausgeleuchtet oder durch einen Psychologen in einem Fachartikel untersucht wurde.
© "Die Gartenlaube", 1875
Laura Kounine
1678, fünfzig Jahre nach dem Höhepunkt des Hexenwahns, der Deutschland zwischen 1580 und 1630 heimgesucht hatte, stand Dorothea Rieger wegen Hexerei vor Gericht. Verhandelt wurde in Besigheim, einer Stadt dreißig Kilometer nördlich von Stuttgart, im südwestlichen Herzogtum Württemberg, einer Gegend, die eher weniger für Hexenjagden bekannt war. Der Prozess gegen Dorothea Rieger fand relativ spät in der Geschichte der frühneuzeitlichen Hexenjagden statt und war insgesamt auch kein "typischer" Prozess. Rieger erregte die Aufmerksamkeit der Obrigkeit mit ihrem Bekenntnis, dass der Teufel ihre "Sünden genutzt" hätte und dass sie "an den Galgen gehöre"; ein Bekenntnis zu dem sie wohl durch ihre Selbstmordgedanken und ihre "Blödigkeit" getrieben worden war.
© Hauptstaatsarchiv Stuttgart
Philipp Nielsen
Bei der Besichtigung des neu erbauten Kanzleramtes 1977, spottete Bundeskanzler Helmut Schmidt, das Gebäude habe den Charme einer "rheinischen Sparkasse". Im gleichen Jahr beklagte Bundespräsident Walter Scheel das Fehlen einer einheitlichen architektonischen und damit auch politischen Vision Bonns. Zwei Jahre später merkte Bundestagspräsident Richard Stücklen an, um die Menschen emotional an die demokratische Grundordnung zu binden, müssten Regierungsgebäude der Demokratie einen "gewissen Glanz" geben – eine Aufgabe, die die Bonner Bauten offenbar nicht erfüllten.
Karlsruhe, Bundesverfassungsgericht | Bundesverfassungsgericht Karlsruhe - mündl
© Bundesarchiv, F044195-0012, Foto: E. Reineke
Magdalena Beljan
Mitten in der "Aids-Krise", 1987, veröffentlichte die CDU-Politikerin Rita Süssmuth, damalige Bundesministerin für Jugend, Familie und Gesundheit in der BRD, ein Buch mit dem Titel AIDS. Wege aus der Angst. Das Cover kündigte "Informationen Beratung Adressen" an. Süssmuth wolle, so schrieb sie im Vorwort, den Bürgern ihre Politik verständlich machen: "Dieses Buch soll dazu beitragen, Unsicherheit und Ängste abzubauen, indem wir das heute verfügbare Wissen der Experten weitergeben. Der Öffentlichkeit sollten unterschiedliche Standpunkte nicht verborgen bleiben. Sie sollten in die Lage versetzt werden, diese unterschiedlichen Auffassungen nachvollziehen und sich selbst ein Urteil bilden zu können. Angst läßt sich nur schwerlich abbauen, wenn der einzelne befürchten muß, daß ihm wichtige Informationen vorenthalten werden bzw. Wissen nur gefiltert weitergegeben wird."
© Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg
Andreas Bähr
1623, der Dreißigjährige Krieg dauerte bereits fünf Jahre, erhielt der Jesuitenpater und Universalgelehrte Athanasius Kircher den Auftrag, im Ordenskolleg des sächsischen Heiligenstadt griechische Sprache zu lehren. Auf dem Weg dorthin, wie er in seiner Autobiographie berichtet, stieß ihm ein bemerkenswerter „Unfall“ zu. Obwohl Kircher eine von „ketzerischen“ Protestanten bewohnte Gegend zu passieren hatte, schlug er die Aufforderung Wohlmeinender in den Wind, auf dieser Route seine Ordenszugehörigkeit zu verbergen; lieber wollte er „in geistlicher Kleidung sterben, als in weltlicher Kleidung sicher reisen.“ Was Außenstehende befürchteten und was Kircher bereitwillig in Kauf nahm, ließ im „unsicheren und grausigen“ „Höllental“ (zwischen Eisenach und Marksuhl) nicht lange auf sich warten. Kircher wurde von im Wald lagernden Reitern umzingelt, an seinem habitus als Jesuit erkannt, ausgeraubt, geschlagen und verletzt.
© Hochschul- und Landesbibliothek Fulda
Stephanie Olsen
Ephemeren können – besonders für Emotionshistoriker – ein wahrer Schatz sein. Mit ihrer Hilfe gelangen wir von Quellen, die für die Nachwelt aufgehoben wurden auf verschiedenen Wegen an die emotionale Beschaffenheit von Akteuren oder Ereignissen. Das vorliegende Ephemera – ein Lichtbild einer Laterna Magica ist zufällig erhalten geblieben, lange nachdem die dazugehörige Technologie verschwand. Bevor Filme und Computer aufkamen war die Laterna Magica ein beliebtes Unterhaltungsmedium mit dem oftmals auch erzieherischen Botschaften verknüpft wurden. In der Viktorianischen und Edwardianischen Zeit war der Projektor allgegenwärtig. Da es aber spezielle technischer Voraussetzungen bedurfte um die Laterna Magica zu benutzen, war sie auch etwas Besonderes. Die britische Band of Hope-Bewegung machte von diesem Medium umfassend Gebrauch.
© The Livesey Collection, University of Central Lancashire, Preston, UK
Rob Boddice
Ein ausgestrecktes Kaninchen, festgeschnallt auf einem Operationstisch, starrt blicklos in den Schein des elektrischen Lichts. Über seinem Kopf schwebt ein Skalpell, das wie ein Stift in der Hand eines weißbärtigen Physiologen in weißem Kittel liegt, bereit einen Schnitt zu machen. Das schräg fallende Licht erhellt auch die Geister der Kranken, die körperlich Behinderten und die Siechen, die – vertieft in die Szene – auf ein Ende ihres Leides hoffen. Sie drängen sich in das Labor des Physiologen: ein Kind an Krücken, ein kränkelndes Baby, das sich im Arm seiner verzweifelten Mutter windet, ein blinder Mann. Die anderen Gesichter sind die der Armen, deren eigenes Leben und das ihrer Familie dem Wüten von Polio, Diphterie, Tuberkulose und vielen anderen Krankheiten ausgesetzt sind. Sie sehnen sich nach Sicherheit, nach Impfungen, Seren und heilender Medizin und all ihre Hoffnungen liegen auf der scharfen Schneide des Skalpells des Wissenschaftlers. Diese Leidenden flehen: "Um der Menschlichkeit willen, drauflos!"
© Will Crawford, "Vivisection" (LC, Washington)
Benno Gammerl
Frauenliebende Frauen und männerliebende Männer haben ihre emotionalen Muster und Praktiken immer wieder an sich verändernde gesellschaftliche Bedingungen angepasst. Sogar die Art und Weise, wie sie sich ineinander verliebten – stürmisch oder allmählich –, änderte sich im Lauf der Zeit. Gleichzeitig wirkten homosexuelle Menschen mit ihren Gefühlen, mit ihrer Wut und ihrer Scham, mit ihrem Stolz und ihrer Freude auch aktiv an gesellschaftlichen Transformationsprozessen mit. Gerade diese Wechselwirkungen machen die Zeitgeschichte der Homosexualitäten zu einem emotionshistorisch so spannenden Feld.
© Der Kreis, 7 (1965), 1
Uffa Jensen
"Daß unser Benjamin das lerne, daß er stark werde zu seinem Glück, dazu sollte unser Erziehungsbüchlein beitragen; es sollte die Kraft reinen Fühlens und Empfindens, festen Wollens und häufigen Vollbringens stärken in unserm Benjamin, damit er glücklich werde." Benjamins Glück war das Ziel des Ratgebers "Wie erziehen wir unseren Sohn Benjamin" von Adolf Matthias. Das Buch gab Eltern Ratschläge für die Erziehung ihrer Kinder vom ersten Tag an und deckte eine große Zahl von Themen ab: Temperament des Kindes, Intelligenz, Religiosität, aber auch die richtige Bestrafung bei schlechtem und angemessene Belohnung bei gutem Verhalten. Das letzte Kapitel des Buches widmete sich Benjamins Glück.
Pascal Eitler
Angst galt innerhalb der "New-Age-Bewegung" als eine "Uremotion" des Menschen. Esoterik-Ratgeber versuchten in den siebziger und achtziger Jahren nicht nur, diese "Uremotion" im vermeintlich größeren Zusammenhang verständlich zu machen. Sie bemühten sich vor allem auch um eine Überwindung dieser Angst – der Angst eines angeblich jeden Menschen vor dem Alleinsein. Chris Griscoms 1988 erschienener und diesseits wie jenseits des Atlantiks mehrfach wieder aufgelegter Ratgeber "Die Heilung der Gefühle" eröffnet in diesem Rahmen einen guten Zugang zum Verhältnis von Emotion und Religion im sogenannten "Neuen Zeitalter".
© cover Die Heilung der Gefühle, 1988
Eva Giloi
Es ist schwierig, die Gefühle zu erkunden, die einfache Bürger im 19. Jahrhundert gegenüber ihren Herrschern hatten. Auch wenn es die Möglichkeit für einige gab, Ansichten in Zeitungen oder Büchern kund zu tun, gab es auch Gesetze gegen Majestätsbeleidigung und andere journalistische Regeln die davon abhielten, eine ehrliche Meinung zu äußern. Um diese Diskrepanz in publizierten Texten zu umgehen und gängige Haltungen gegenüber Machtinstitutionen zu Tage zu bringen, greifen Historiker oft auf nicht-verbale Quellen zurück. Ein Weg ist, die materielle Kultur zu untersuchen, um zu sehen, wie bestimmte Objekte zirkulierten, was mit ihnen gemacht wurde wenn sie weitergegeben wurden und welchen Platz sie im täglichen Leben der Menschen hatten.