EnglishDeutsch

Originaltext

Sayid Ahmad Khan "Guzra Hua Zamana", in Maqalat-e Sir Syed. Compiled by Muhammad Ismail Panpati. 12 vols. Vol. 5 (Lahore: Majlis Taraqqi-e Adab, 1962).

Audiobook

Eine ausdrucksvolle Hörbuchversion der Geschichte findet sich auf

 

 

www.archive.org

Übersetzung

Saiyid Ahmad Khan "Die verflossene Zeit," Tahzib ul akhlaq, 1. Safar 1290 [30.3.1873], Übersetzung: Margrit Pernau/Max Stille, 2017

“Zeit, oh Zeit! Warum habe ich Dich verschwendet?” Ein Alptraum

© wikipedia/ privat

von Margrit Pernau und Max Stille

Guzra Hua Zamana (Die verflossene Zeit) ist eine Geschichte über den tiefen Schmerz angesichts des unumkehrbaren Verlustes von Zeit.

"In der letzten Nacht des Jahres sitzt ein alter Mann allein in seinem dunklen Haus. Die Nacht ist angsteinflößend und finster. Wolken türmen sich auf, Blitze zucken unablässig und der Donner grollt. Ein Sturm bläst mit großer Kraft. Das Herz des Alten pocht und sein Atem geht unregelmäßig. Er ist tieftraurig. Er ist jedoch nicht wegen seines dunklen Hauses traurig oder wegen seiner Einsamkeit und auch nicht wegen des Gewitters oder des tosenden Sturmes. Auch ist er nicht darüber betrübt, dass es die letzte Nacht des Jahres ist. [Der Grund ist], dass er über die verflossene Zeit nachdenkt. Je mehr er sich erinnert, desto trauriger wird er. Er verbirgt sein Gesicht in seinen Händen und die Tränen rinnen aus seinen Augen."

Der alte Mann bedauert, seine Zeit nicht wertgeschätzt zu haben – bis es letztlich zu spät war. Er erinnert sich an seine Kindheit, als er seinen Vater verärgert und seine Mutter betrübt hatte. Es zerreißt sein Herz, wenn er an seine Lieblosigkeit und Mitleidlosigkeit gegenüber seinen Lieben denkt. Selbst die Erinnerung an seine frommen Taten während seines Erwachsenenlebens kann sein Herz nicht beruhigen, da gottesdienstliche Handlungen nicht von Dauer sind. Als der Sturm nachlässt, erscheint eine schöne junge Frau, die sich ihm als unsterbliche Güte vorstellt und sagt: "Wer mich erobern möchte, muss mit seinem Herzen, seinem Leben und seinem Reichtum danach streben, Gutes für die Menschen zu tun – oder zumindest für seine Gemeinschaft." Nach einem kurzen Moment der Hoffnung verzweifelt der alte Mann erneut. Er seufzt: "Ach! Ich würde zehntausend Dinar dafür geben, wenn die Zeit zurückkäme und ich ein junger Mann sein könnte!" und verliert das Bewusstsein.

Doch war all dies nichts weiter als der Traum eines Jungen, der im Folgenden von der beruhigenden Stimme seiner Mutter geweckt wird. Als er erkennt, dass er nur geträumt hatte, ruft er aus: "Ah, das ist der erste Tag meines Lebens! Ich werde nicht so enden wie der alte Mann. Ich werde ganz bestimmt die junge Frau heiraten, die mir ihr schönes Gesicht gezeigt hat und mir gesagt hat, dass ihr Name 'Ewige Güte' ist!" Die Geschichte endet mit einem auktorialen Kommentar, in dem die Jugend aufgefordert wird, sich den Jungen als Vorbild zu nehmen und für das Wohlergehen ihrer Gemeinschaft zu eifern.

Der 1873 erstmalig veröffentlichte Essay wird bis heute häufig gelesen. Er  findet sich beispielsweise in Urdu-Lehrbüchern in Pakistan. Erst vor vier Monaten wurde eine fast vollständige englische Übersetzung der Geschichte aus der Feder eines Urdu-sprechenden Studenten der King Abdul Aziz Universität in einer englischsprachigen Zeitung in Saudi Arabien abgedruckt und von den Urdu-sprechenden Lesern, höchstwahrscheinlich Einwanderern aus Südasien, sehr begrüßt. In einer Audiobuch-Version, die im Internet verbreitet ist, wird das synästhetische Erlebnis der stürmischen Nacht noch durch Soundeffekte verstärkt: man hört den Donner und das Prasseln des Regens. Die Stimme des Sprechers transportiert zudem beim Ausruf "Ach, Zeit!" die Verzweiflung des alten Mannes.

Gleichzeitig ist der Text auch eine faszinierende Quelle für die historische Untersuchung von Gefühlen. Er gibt uns einen Einblick in das emotionale Universum seiner Entstehungszeit, über die Gefühle, die empfunden und erwünscht wurden und über die Arten und Weisen, in denen Gefühle hervorgerufen wurden. Saiyid Ahmad Khan, der Autor der Geschichte, wurde 1817 in eine Familie des niederen Adels in Delhi geboren. Als Jugendlicher und junger Mann erlebte er die Ausbreitung der britischen Kolonialadministration dort, wo früher ausschließlich die Moguln herrschten. Saiyid Ahmad Khan hatte Verbindungen zu Sufi-Bewegungen, die für eine Reform der Muslime wirkten, stand aber auch dem Delhi College nahe, einer innovativen Bildungseinrichtung, die britisches und klassisches indisches und islamisches Wissen in der lokalen Sprache, Urdu, vermittelte. In den 1840er und 1850er Jahren wurde das Delhi College zunehmend nicht nur zu einem Zentrum der Ausbildung zukünftiger Angestellter der Kolonialadministration, sondern auch zum Ausgangspunkt vieler öffentlicher Debatten und Erscheinungsort von Pamphleten und Zeitschriften. Beim Aufstand von 1857 stand Saiyid Ahmad Khan (so wie die meisten Angehörigen und Freunde des Delhi College) auf britischer Seite. Dies hielt die Briten jedoch nicht davon ab, Muslime als die Hauptschuldigen auszumachen und im Folgenden zu marginalisieren.

Ab diesem Moment war die Versöhnung zwischen der Kolonialmacht und der muslimischen Gemeinschaft das Hauptthema im Leben Saiyid Ahmad Khans. Einerseits versuchte er, den Herrschenden die Muslime zu erklären und warnte sie vor den Auswirkungen ihres Handelns, das nicht die Befindlichkeiten und Ehre ihrer Untergebenen berücksichtigte. Andererseits beabsichtigte er die Erziehung und Reformierung der muslimischen Gemeinschaft. Dies schloss ein, den Widerstand, der innerhalb der muslimischen Gemeinschaft gegenüber westlichem Wissen herrschte, zu überwinden. Er zeigte, dass Gottes Wort, wie es sich im Koran zeigte, in keinem Widerspruch zu Gottes Werk stand, wie es durch die moderne Wissenschaft erklärt wurde. Auch schloss dies einen leidenschaftlichen Kampf für die Reformation des muslimischen Lebensstiles und das Vermitteln neuer Werte ein – nicht zuletzt den Wunsch nach einer sorgfältig geplanten Einteilung von Ressourcen und die Vermeidung von Verschwendung von Geld und Zeit. Diese Werte wurden häufig als viktorianisch identifiziert, aber sie sind ebenso Teil der Geschichte religiöser Erneuerung im Sufismus.

Saiyid Ahmad Khan schuf zwei Institutionen, um sein Programm voranzutreiben. Die erste war das Muhammadan Anglo Oriental College in Aligarh, einer Kleinstadt 200 km südlich von Delhi. Das College war als Hochschule mit Internat für die muslimische Elite nach dem Vorbild von Oxford und Cambridge gegründet worden, um die Studenten in englischer Sprache und unter der Leitung eines britischen Direktors zu zukünftigen Führern ihrer Gemeinschaft auszubilden. Die zweite Institution war die Urdu-Zeitschrift "Tahzib ul Akhlaq" oder "The Muhammadan Social Reformer", wie es auf seiner Titelseite übersetzt wird. In dieser Zeitschrift erschien der Text "Verflossene Zeit" erstmalig. Seine Leserschaft setzte sich zumeist aus Männern zusammen, die an der Reform der muslimischen Gemeinschaft und an Debatten über die Bildung der jungen Generation interessiert waren. In Aligarh herausgegeben, erreichte die Zeitschrift Leser im gesamten Norden Indiens, nicht nur in den größeren Städten, sondern auch in den vielen Gemeinden, in denen seit Jahrhunderten die muslimische Oberschicht sesshaft war.

Der alte Mann in der Geschichte "Die Verflossene Zeit" ist die Hauptfigur einer Geschichte, die Saiyid Ahmad Khan verfasste, um eine Botschaft an sein Publikum zu vermitteln. Er setzt also auf geteiltes Wissen darüber, wie Gefühle entstehen und wie sie erlebt werden. Warum wählte Saiyid Ahmad Khan einen Traum, um zu vermitteln, wie Zeit emotional erlebt wird?

Zu Saiyid Ahmad Khans Lebzeiten und innerhalb seines Milieus waren Träume ein wichtiger Bestandteil des religiösen, persönlichen und literarischen Lebens. Als Saiyid Ahmad Khan Transkripte seiner eigenen Träume an seinen Freund und Biographen schickte, merkte er an, dass sein Interesse an Träumen durch seine Interpretation einer bekannten religiösen Geschichte geweckt wurde, nämlich von Josephs Träumen in Ägypten, die im Koran ebenso wie in der Bibel zentral sind. Saiyid Ahmad Khans eigene Träume wurden jedoch nicht in seine Biographie aufgenommen. Der Grund dafür war wahrscheinlich, dass ihre Hauptthemen – die religiöse Verbindung mit den Sufimeistern oder phantastische Bedrohungen und Tode – nicht zum rationalistischen Bild passten, das sein Biograph zeichnen wollte.

Als nicht "realer", sondern literarischer Traum folgt "Die Verflossene Zeit" anderen Gesetzen und Möglichkeiten. Während Saiyid Ahmad Khans eigene Träume keine emotionalen Reaktionen auf das Traumgeschehen enthalten, sondern seine Traumerfahrung in Form unmittelbarer Bilder dargestellt wird, geht "Die Verflossene Zeit" im Detail auf die Gefühle des alten Mannes ein. Die Geschichte folgt dabei ganz bestimmten literarischen Konventionen. Die Traurigkeit und die Angst, die der alte Mann empfindet, als er über sein vergangenes Leben nachdenkt werden - gespiegelt im Gewittersturm, der vor dem offenen Fenster tobt - dramatisiert, externalisiert und verallgemeinert. Eine ähnliche Übereinstimmung von Gefühlen und Naturphänomenen war dem Publikum aus einem anderen weit verbreiteten literarischen Genre bekannt, den Barahmasa. Hier wird die Sehnsucht nach dem abwesenden Geliebten über die zwölf Monate des Jahres anhand der jeweiligen saisonalen Charakteristika des Wetters, der Flora und der Fauna beschrieben.

Obgleich es sowohl im Barahmasa als auch in "Die Verflossene Zeit" ein Happy End gibt, könnte ihre Zeitstruktur nicht unterschiedlicher sein. Der Sturm strukturiert die Gefühle des alten Mannes nicht auf eine zyklische Art und Weise wie es die wiederkehrenden Jahreszeiten in den Barahmasa tun. Der Sturm reagiert vielmehr, entsprechend den Emotionen des alten Mannes, auf die jeweilige Phase seines Lebens, an das sich der alte Mann erinnert: seine Kindheit, seine Jugend und seine Lebensmitte. Der Leser folgt den somit den emotionalen Reaktionen auf das Vergehen der Zeit. Die Erscheinung der unsterblichen Güte beruhigt den Aufruhr der Naturgewalten und lässt kurzzeitig Hoffnung im alten Mann aufsprießen, aber es gibt keine Zukunftserwartung, die die Verzweiflung und Angst des alten Mannes lindern könnte: weder die Ankunft des Geliebten, wie im Barahmasa, noch eine religiöse Erlösung wie die Erwartung des Paradises. Das Gute, nach dem der alte Mann sich sehnt, kann nur während seines irdischen Lebens erlangt werden und zeichnet sich dadurch aus, dass es in dieser und nicht in einer jenseitigen Welt von Bestand ist.

Die stärksten Emotionen ruft tatsächlich die Zeit selbst hervor. Der dramatischste Ausruf des alten Mannes richtet sich an sie und drückt seine gerade entdeckten Gefühle aus: "Oh, Zeit, oh Zeit! Vergangene Zeit! Ach! Wie jammerschade, dass ich mich zu spät auf dich besonnen habe!" oder: "Wie konnte ich dich nur verschwenden!" Seine Freunde und Familienmitglieder drücken ähnlichen Kummer aus. Sie weinen sich ihre Augen aus, beißen sich vor Leid in ihre Finger und fragen "Was können wir jetzt noch machen (wo die Zeit vergangen ist)?" Der unersetzbare Verlust der Zeit und der vergebliche Wunsch des alten Mannes, in die Vergangenheit zurückzukehren, werden immer wieder wiederholt. Es gebe einen Weg, in der flüchtigen Zeit festen Halt zu bekommen, erklärt die ewige Güte dem alten Mann, aber für ihn kommt dieser Ratschlag zu spät.

Die Geschichte des alten Mannes ist daher durch Düsternis und Verzweiflung angesichts des linearen Verrinnens und der Begrenzung der individuellen Lebenszeit gekennzeichnet. Es sind diese beiden zeitlichen Ebenen der Geschichte – die Gegenwart des alten Mannes und seine vergangenen Erinnerungen – die die emotionale Reaktion auf die vergangene Lebenszeit überhaupt beschreibbar machen.  Beide Ebenen bleiben klar getrennt, was sehr unüblich für Traumerzählungen ist, in denen sich häufig, wie in Saiyid Ahmad Khans Transkripten seiner eigenen Träume, Zeitebenen überlagern und Chronologie keine wichtige Rolle spielt. In großen Teilen der Geschichte ist nicht erkennbar, dass es sich hier um einen Traum handelt, da die übliche einleitende Rahmenhandlung, in der der Protagonist einschläft, fehlt. Auch das Ende des Traumes ist bemerkenswert. An ihm steht ein plötzlicher Bruch. Der alte Mann verliert das Bewusstsein – ein typischer Ausdruck von Wehklagen und starkem Schmerz. Er kommt jedoch im Folgenden nicht selber wieder zu Bewusstsein, sondern erwacht als Junge. Dieser plötzliche Schnitt zwischen den beiden denkenden und fühlenden Akteuren bringt also eine weitere Ebene der Erzählung mit sich, die retrospektiv alles zuvor Geschehene als "Traumwelt" setzt – allerdings nicht unter psychoanalytischen Vorzeichen, sondern als Warnung aus einer anderen Welt.

Für die emotionale Rezeption der Geschichte ist die durch den Traum eingeführte temporale Struktur entscheidend. Der Schmerz des alten Mannes wird zunächst erlebt, ohne dass man als LeserIn weiß, dass es sich "nur" um einen Traum handelt. Auch die irreversiblen Konsequenzen der vergangenen Fehler können schonungslos gezogen werden. Der Traum erlaubt es den Lesern, das individuelle Werden entlang der  linearen Entwicklungsstufen des Lebens nachzuvollziehen und lehrt sie, Zeit als etwas Unumkehrbares zu verstehen. Selbst die fast-göttliche Figur der Ewigen Güte kann die Zeit nicht umkehren. Die Menschen haben nur einmal die Chance, die Zeit zu nutzen. Nichtsdestotrotz endet die Geschichte optimistisch und zukunftsorientiert, wenn im Folgenden die Freude des Jungen dargestellt wird.  Dieser ist gewissermaßen der erste Rezipient der Traumerzählung, und ihm soll die Leserschaft von "Die Verflossene Zeit" nacheifern. Dies ermöglicht eine einmalige emotionale Reaktion der Leser, die sich von Traurigkeit und Verzweiflung über eine unwiederbringlich verlorene Vergangenheit zu einer plötzlichen und unerwarteten Hoffnung in einer immer noch möglichen Zukunft bewegen.

Die gleichzeitige Beschränkung dessen, was der Einzelne mit Zeit machen kann und die Erweiterung ihres emotionalen Wertes wird also in einer Form transportiert, die auf etablierten Rollenmustern von Träumen basiert und sie gleichzeitig verändert. In der Kulturgeschichte Indiens und des Islams wurden Träume seit Langem als privilegierter Zugang zur Wahrheit angesehen. Sie sagten die Zukunft voraus und versetzten historische Figuren ebenso wie die Figuren in ihren Narrativen in die Lage, ihre Handlungen zu verändern. In "Die Verflossene Zeit" jedoch sind die beiden am Ende stehenden Rahmenhandlungen – der Junge, der erwacht und der Autor, der die Jungen der eigenen Gemeinschaft ermahnt – sehr kurz und korrespondieren in dieser Hinsicht mit der fehlenden Rahmenhandlung zu Beginn der Geschichte. Sie lassen keinen Raum, um eine grundsätzliche Änderung im Verhalten des Jungen zu zeigen. Dessen hauptsächliche Reaktion auf den Traum ist seine Beglückung, "nur" geträumt zu haben. Jauchzend verschreibt er sich dem Aufruf seiner Mutter, nicht so zu enden wie der alte Mann und nimmt sich vor, seine eigene Zukunft zu formen. Diesem Versprechen nun, so die auktoriale Stimme im letzten Absatz, sollen die "jugendlichen Landsmänner" und die "Kinder der Gemeinschaft" nacheifern. Was genau es bedeutet, seine Zeit zu nutzen und Gutes für die Mitmenschen zu tun, wird in der Geschichte nicht näher ausgeführt, sondern muss von den Lesern selbst konkretisiert werden.      

"Die Verflossene Zeit" ist in eine größere Traumkultur eingebettet, die individuelle Träume im "realen Leben" ebenso wertschätzt wie im religiösen Glauben oder Traumerzählungen. Letztere kamen z.B. in den persischen Versromanen vor, die Teil des Bildungskanons waren. Aber "Die verflossene Zeit" ist auch ein frühes Beispiel für die Aufwertung von Traumerzählungen, die in der kolonialen Moderne nicht abnahmen, sondern in vielen (reformistischen) Romanen eine sehr bedeutende Rolle spielten. In frühen Urdu-Romanen wurden beispielsweise weiterhin Träume eingesetzt, um die Geschichten voranzutreiben, da sie einen Ausblick in die Zukunft und Einblicke in die innere Welt der Protagonisten ermöglichten. Gleichzeitig wurden sie mit Techniken der genauen und detailreichen Beschreibungen des Innenlebens von Figuren und, wie in "Die verflossene Zeit", mit schnellen Wechseln zwischen verschiedenen Zeitebenen verbunden. Hierdurch eröffneten sie Möglichkeiten für ein neues emotionales Erleben, nicht zuletzt das von Zeit selber. In "Die Verflossene Zeit" transportiert der Traum nicht notwendigerweise eine Wahrheit, der gefolgt werden muss, sondern bietet ein Testfeld für eine mögliche Zukunft. Dass dieser Test den Jungen – und mit ihm die Leser – überzeugt, andere Wege zu gehen, liegt zum großen Teil an der detaillierten Darstellung der emotionalen Erfahrung des alten Mannes. 

Der Traum muss daher auch im größeren Kontext der Veränderungen im Leben der Muslime im kolonialen Indien gelesen werden. Saiyid Ahmad Khan wollte aufzeigen, dass die alten Werte nicht länger ausreichten. Im seiner Lebensmitte war der alte Mann ein frommer Muslim, fastete, betete regelmäßig, ging auf Pilgerfahrt und zahlte den zakat, den jährlichen islamischen Beitrag für die Wohlfahrt. Darüber hinaus spendete er auch Geld für fromme Projekte und bat Heilige und religiöse Führer um ihren Ratschlag. Aber der Traum zeigt, dass nichts von alldem von Dauer sein wird und nichts davon ihn vor der Angst vor der verrinnenden Zeit retten wird: die Hungrigen werden wieder hungrig und sein Leben auf Erden wird verschwinden, ohne eine Spur zu hinterlassen. Nostalgie, die Sehnsucht nach einer Zeit die bereits vergangen ist, ist nicht länger ein bitter-süßes Gefühl, dem man sich in Poesie und in der Gesellschaft von Freunden hingibt, sondern hat sich in eine einsame Form der Verzweiflung verwandelt, die nicht kultiviert werden sollte, sondern Zeichen eines vergeudeten Lebens ist.

Nur die Erscheinung der ewigen Güte kann Frieden in das Herz des alten Mannes pflanzen: Einzig die Erfüllung seiner Pflichten gegenüber Gott und seinen Mitmenschen, uneigennützige Taten für das Wohlergehen der Gemeinschaft ohne die Hoffnung auf eine mögliche Belohnung kann ihn in der Zeit verankern und ihm einen Schein von Ewigkeit verleihen. Aber diese Erlösung kann nicht im Nu eines Moments am Ende des Lebens erfolgen. Zeit ist ein wertvolles Gut geworden, das einmal verloren nicht nochmals erlangt werden kann. Schon ab der frühen Jugend ist der sorgfältige, planerische Umgang mit Zeit wichtig. Dieses neue Zeit-Regime ist mit der kolonialen Moderne eng verknüpft – sein deutlichstes Symbol waren die Uhrentürme, die seit den 1960er Jahren die indischen Städte prägten und die Verbreitung von Uhren, die in Zeitschriften immer häufiger als das wichtigste Objekt des modernen Mannes und sein Charakteristikum beworben wurden.

Zeit war nur einer der Faktoren, die der Traum in einem neuen Bezug zu frommen Gefühlen zeigte – sie war nicht länger in den Händen Gottes und seiner Barmherzigkeit, sondern wurde den Menschen übergeben, um damit gut und planvoll umzugehen. Ähnliches traf auf die Tugenden zu. Die fünf Säulen des Islam, die die Gläubigen sicher in dieser und der nächsten Welt verankerten, wurden ein Teil des Ephemeren, das nicht länger eine Daseinsgarantie darstellte. Sie wurden nicht unbedingt abgeschafft, aber durch Werte ergänzt und neuinterpretiert, die nicht mehr in erster Linie auf Gott gerichtet waren, sondern auf die Menschheit und insbesondere auf die Gemeinschaft der Gläubigen. Falls diese Werte- und Emotionsverschiebung vom Paradies auf die Gegenwart und von Gott zu den Menschen überhaupt als Säkularisierung bezeichnet werden kann, dann ist es eine ganz besondere Art der Säkularisierung. Im Traum nimmt die ewige Güte tatsächlich den Platz ein, der traditionell entweder dem Propheten oder einem Heiligen vorbehalten war, als Boten Gottes, aber auch als Objekt intensiver Gefühle der Liebe und der Sehnsucht. Doch gleichzeitig umfasst genau diese Vermenschlichung der Tugend als die Geliebte die Veränderungen innerhalb der traditionellen Symbolik. Zudem ist der alte Mann im Traum deutlich als Muslim gekennzeichnet. Er wird nicht durch seinen Abstand von einer übernommenen Frömmigkeit Erlösung erlangen, sondern durch die Suche nach ihrer tieferen Bedeutung. Die Liebe zu Gott allein ist nicht mehr ausreichend, sie muss durch die Sorge um das Wohlergehen von Gottes Kreaturen, zuvorderst das der muslimischen Gemeinschaft, fundiert und verkörpert werden. Dies sind die zentralen Themen des Reformprogramms von Saiyid Ahmad Khan, wie es bereits oben vorgestellt wurde. Weder privatisiert es religiöse Gefühle und Annahmen, noch drängt es die Rolle der Religion bei der Erzeugung von Emotionen an den Rand. Es sind just die leidenschaftlichen Emotionen, die die Gemeinschaft der Muslime vor ihrem drohenden Untergang retten.

Somit wird deutlich, dass es der Komplexität der Veränderungen nicht gerecht wird, wenn die koloniale Moderne nur als ein Projekt zur Disziplinierung der Emotionen angesehen wird. Die Perzeption des unerbittliche Voranschreitens einer linearen Zeit und das durch diese Wahrnehmung geförderte neue Zeitmanagement kann unmittelbar mit der Verbreitung des globalen Kapitalismus verknüpft werden und dem neuen Gewicht, das der Zeit beigemessen wird. Ebenso kann es als das Unterdrücken spontaner emotionaler Ausbrüche und ihre Zuweisung zu bestimmten Zeiten und Räumen interpretiert werden. Doch ist, wie der Traum zeigte, die Zeit selbst zum Objekt heftiger Gefühle geworden. Die Moderne bringt eine größere Verantwortung des Einzelnen mit sich. Er muss sich nicht nur um seine eigene Erlösung kümmern und die Gemeinschaft durch Reformen retten, er muss dies auch tun, ohne sich auf Wunder von Gott oder seine Heiligen verlassen zu können (wenngleich der Traum auch zeigte, dass das Gebet zu Gott immer noch wichtig bleibt). Doch sind nicht alle Emotionen, die mit Zeit verbunden sind, negativ: Zeit wird nicht zuletzt zum Ziel großer Sehnsucht. Ohne das Paradies komplett zu aufzugeben, wird die Erlösung in die Zukunft verlagert und auf die Erde versetzt – Unsterblichkeit erlangt man durch das, was man für seine Gemeinschaft tut.

 

Weiterführende Literatur

  • Saurabh Dube, Subjects of Modernity. Time-Space, Disciplines, Margins (Manchester: Manchester University Press, 2017).
  • Hans Harder, Fiktionale Träume in ausgewählten Prosawerken von zehn Autoren der Bengali- und Hindiliteratur (Halle, 2011).
  • David Lelyveld, "Young Man Sayyid : Dreams and Biographical Texts." in Muslim Voices, Usha Sanyal, David Gilmartin, and Sandria Freitag, eds (Delhi: Yoda Press, 2013), 253-274.
  • David Lelyveld, Aligarh’s First Generation. Muslim Solidarity in British India (New Delhi: Oxford University Press, 1996).
  • Margrit Pernau, Ashraf into Middle Classes: Muslims in Nineteenth-Century Delhi (New Delhi: Oxford University Press, 2013).

Zitierweise

Margrit Pernau und Max Stille. "'Zeit, oh Zeit! Warum habe ich Dich verschwendet?' Ein Alptraum", in Geschichte der Gefühle - Einblicke in die Forschung, Oktober 2017, DOI:10.14280/08241.59