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Das Lächeln des Attentäters: Gesichtsausdruck als politischer Ausdruck

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von Daphne Rozenblatt

Wie wird ein Lächeln von der Geschichte erklärt?
Wäre Luigi Lucheni in Begleitung von zwei ähnlich gekleideten Männern, von zwei Frauen oder zwei Kindern, wären sein Lächeln und seine fröhliche Stimmung verständlich. Aber flankiert von zwei Polizisten, war sein Lächeln ein Zeichen von Krankheit und Verdorbenheit. Trotzdem ein Lächeln eigentlich ein grundsätzlicher, quasi universaler menschlicher Ausdruck ist[1], war die Bedeutung dieses Lächelns durch politische, juristische, wissenschaftliche und populäre Diskurse am Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts geformt.

Das Foto von Luigi Lucheni (1873-1910) wurde nach seiner Verhaftung wegen Mordes an der Kaiserin Elisabeth von Österreich (1854-1898), weltbekannt auch als "Sisi", aufgenommen. Lucheni erstach sie am 10. September 1898 in Genf mit einer dünnen Klinge, die durch ihre Brust drang und ihr Herz verletzte. Lucheni war ein in Paris geborener Italiener, der in der Armee diente, bevor er in die Schweiz emigrierte. Wie viele italienische Anarchisten in dieser Zeit war Lucheni ins Ausland gegangen, um ein besseres Leben zu haben, geriet jedoch in schwierige Lebensumstände. Als Befürworter Kropotkis's "Propaganda durch die Tat" - dem Durchführen von politischen Aktionen, die beispielhaft für andere wirken sollten - plante Lucheni, Prinz Philippe, Herzog von Orléans (1869–1926) zu töten. Als der Herzog jedoch seine Reisepläne änderte, entschied sich Lucheni für ein Mitglied der Aristokratie. Da die Kaiserin incognito reiste, wusste Lucheni bis zu seiner Verhaftung nicht genau, wen er eigentlich getötet hatte. Luchenis Lächeln trägt daher eine politische Bedeutung: Er lächelt nach seiner überraschenden und erfolgreichen Attacke gegen das Haupt des Staates im wörtlichen und übertragenen Sinn.

Das berühmte Foto von Luchenis selbstbewußtem Auftritt mit seinem gelösten Grinsen lässt uns über drei zentrale Bereiche der Emotionsgeschichte nachdenken:

  • Wie interpretieren wir Emotionen in historischen Belegen?
  • Welche Beziehung besteht zwischen Emotionen und körperlichem Ausdruck?
  • Wie kann das Historisieren von Gefühlen zu einem besseren Verständnis von Geschichte führen?  
     

Wie interpretieren wir Emotionen in historischen Belegen?
Die Bedeutung eines Gefühls und wie es untersucht werden kann, wird derzeit von der Forschung in vielen Disziplinen heiß diskutiert. Historiker stehen dabei vor der zusätzlichen Herausforderung, Gefühle anhand von Dokumenten zu interpretieren. Im neunzehnten Jahrhundert konnte die aufkommende Fotografie ein flüchtiges Lächeln festhalten und die modernen Wissenschaften wie Anthropologie, Psychiatrie und Physiologie produzierten bildliche und textliche Quellen zu menschliche Emotionen. Durch die Massenmedien konnten Bilder wie das von Luchenis Lächeln weit verbreitet werden und sie entfachten öffentliche, wissenschaftliche und juristische Diskussionen über die Gefühle des Mörders. Durch diese Debatten können Historiker mehr als nur die "Fakten" über Luchenis Gefühle erfahren (lächelte Lucheni, weil er Freude empfand?). Sie können auch bestehende emotionale Normen und gesellschaftlich akzeptierten Ausdruck von Gefühlen interpretieren und herausfinden, welche Emotionspraktiken bewusst und unbewusst, strategisch und taktisch angewandt wurden.

Eine Fotografie kann den emotionalen Ausdruck einer Person objektiv erfassen. Sie kann jedoch nicht erfassen, ob dieser Ausdruck ein dauerhafter oder flüchtiger Zustand ist, oder ob er eine Reaktion auf eine andere Person, eine Situation, ein Objekt oder die Kamera selbst ist. Die moderne Fotografie erfasst die Paradoxien des Lächelns:

Güte, Zufriedenheit, Freude, Bosheit, ebenso wie Unverschämtheit, Ironie, Verachtung, Grausamkeit… Kein menschlicher Ausdruck weist eine ähnlich große Bandbreite von Gefühlen auf wie das Lächeln. Dieses angeborene non-verbale Kommunikationsmittel verfeinert sich mit steigendem Alter. Da es universell ist, variiert seine Bedeutung abhängig von der Kultur und dem Kontext in dem es geschenkt und empfangen wird.[2]

In einer Szene in Ingmar Bergmans Film Passion ist diese Mehrdeutigkeit gut dargestellt: Nachdem der Filmcharakter Elis Vergerus seinen Gegenspieler Andreas Winklemann fotografiert hat, zeigt er ihm ein Foto, das er von dessen lächelnder Frau gemacht hat, die zum Zeitpunkt der Aufnahme unter einer starken Migräne gelitten hatte. Elis sagt: "Ich denke nicht, dass ich mit diesem Foto zur Seele vorgedrungen bin. Ich kann nur ein Wechselspiel von großen und kleinen Kräften feststellen. Du schaust auf dieses Bild und stellst dir Dinge vor. Das ist alles Unsinn. Alles Spiel, alles Poesie. Du kannst niemanden lesen mit dem Anspruch, Gewissheit zu bekommen. Nicht einmal Schmerz zeigt sich immer."[3]

Im Fall des Lächelns von Luigi Lucheni kann die fotografische Aussage den veröffentlichten Dokumenten zugeordnet werden.[4] Populäre, juristische und wissenschaftliche Publikationen diskutierten Lucheni's Lächeln. Eine Nachrichtenquelle beschrieb Lucheni zwischen den zwei Polizisten als "grinsend, mit einem naiven und entrückten Lächeln seiner halbgeschlossenen Augen, dünne Lippen mit einem schmalen Oberlippenbart.  Lucheni, immer noch lachend, nahm seine Mütze ab."[5] Eine kriminalanthropologische Studie beschrieb Lucheni als "kurz, untersetzt, rasiert, knochig, prognathisch, mit einem Lächeln auf den Lippen" und sein Verhalten vor Gericht als "von Kichern geprägt."[6] Sowohl nach seiner Verhaftung als auch während des Prozesses wurde Lucheni's Lächeln wahrgenommen und es wurde als charakteristisch für einen anarchistischen Mörder angesehen oder auch als ein Symptom für seinen Geisteszustand gewertet.
 

Welche Beziehung besteht zwischen Emotionen und körperlichem Ausdruck?
Bildet ein von außen sichtbarer Ausdruck mit Sicherheit einen inneren Zustand ab? Sind Emotionen innere Erlebnisse die nach außen getragen werden, oder finden Emotionen zwischen, hinter oder außerhalb der Körper-Geist-Dichotomie statt?[7] Das Lächeln spiegelt die Komplexität der Debatten über die Fragen nach dem Ort von Emotionen, und ob Gefühle das Ergebnis natürlicher Veranlagung oder Erziehung sind, da es potenziell eine Stimmung oder Neigung, eine Haltung zu Umständen oder einer bewussten Handlung beweist. Während eine solche Fragestellung heute eher in der psychologischen als in der historischen Forschung anzutreffen ist, kann die Emotionsgeschichte die soziale und kulturelle Formung des Lächelns untersuchen, um universalistische Interpretationen des menschlichen Verhaltens herauszufordern oder zu bestätigen. Colin Jones beispielsweise nahm an, dass im frühneuzeitlichen Paris das die Zähne entblößende Lächeln als Ergebnis von Politik, Kultur und moderner Zahnmedizin akzeptabel wurde.[8] Auch die wissenschaftlichen und akademischen Debatten, die die Fragen nach Natur und Kultur aufwarfen, werden historisiert. Nichtsdestotrotz haben selbst "Universalisten" wie Paul Ekman, Psychologe und Vorreiter des Kartierens von Emotionen mit Hilfe von Gesichtsausdrücken, die soziale und kulturelle Komplexität des Lächelns unterschätzt:

Dennoch kann das Lächeln rätselhaft sein; obwohl es ein Ausdruck für positive Emotionen ist, kann es für das Ausdrücken von Höflichkeit und Unsicherheit benutzt werden und auch um negative Emotionen zu maskieren.[9]

Was sagt Lucheni's Lächeln über seinen Charakter und seine Emotionen aus? War das Lächeln eine reine physiologische Reaktion oder war es ein bewusster Akt, um andere zu täuschen oder zu manipulieren? Das Foto allein ist keine überzeugender Beweis für eine Antwort auf diese Frage. Zeitgenössische Wissenschaftler setzten sich ebenfalls mit diesen Fragen auseinander und sowohl in den wissenschaftlichen als auch populären Veröffentlichungen spielte Luchenis Lächeln bei der Bewertung seines Charakters und seiner Schuld eine auffällige Rolle. Während des neunzehnten Jahrhunderts wurden Emotionen mehr und mehr zum Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen. Die modernen medizinischen und biologischen Wissenschaften nahmen sich philosophischer Fragen über die menschliche Natur und den menschlichen Geist mittels experimenteller Methoden an und zusammen mit der Evolutionstheorie und dem Positivismus entstanden neue wissenschaftliche Disziplinen wie Anthropologie, Soziologie, Psychiatrie, Physiologie und Kriminologie. In dieser Atmosphäre führten physiologische Untersuchungen des menschlichen Charakters dazu, dass menschliche Emotionen medikalisiert und pathologisiert wurden.[10]

Aber was ist nun ein Lächeln? Der französische Physiologe Duchenne de Boulogne (1806-1875) verwendete bio-elektrische Experimente, um das Lächeln mechanistisch zu definieren. Das echte – oder Duchenne-Lächeln – entsteht durch die spontane Kontraktion bestimmter Muskelgruppen. Abgrenzbar von anderen Lächeln konnte es verächtlich, theatralisch oder auch der Versuch sein, höflich zu erscheinen. Charles Darwin (1809-1882) beschrieb das Lächeln als Gesichtsausdruck, der sich zusammen mit der menschlichen Spezies entwickelt hatte, aber er verwies auch auf den Unterschied zwischen einem fröhlichen Lächeln und dem "verächtlichen" Lächeln. Er schrieb:

Spott und Verachtung können ebenso wie Hohn und herausfordernder Trotz durch ein unbedeutendes Entblößen des Eckzahnes auf der einen Seite des Gesichtes dargestellt werden, und diese Bewegung scheint allmählich in eine andre überzugehen, die einem Lächeln außerordentlich ähnlich ist. Oder das Lächeln oder Lachen kann ein wirkliches sein, wenn auch ein höhnisches, und dies setzt voraus, dass der Beleidiger so bedeutungslos ist, dass er nur Erheiterung erregt; die Erheiterung ist aber meist nur ein Vorwand.[11]

Der italienische Physiologe Paolo Mantegazza (1831-1910) beschrieb die emotionale Plastizität und die Widersprüche des Lächelns nicht nur in seinem Werk Physiologie der Freude sondern auch in Physiologie des Schmerzes. Das Lächeln konnte also leicht sowohl negativen oder unangenehmen Gefühlen als auch positiven Gefühlen wie Freude zugeordnet werden.[12] Ob durch physiologische Reaktionen erklärt, durch evolutionäre Vorgänge verstanden oder um Gefühle zu erkunden – das Lächeln, das andere Gefühle und Absichten als Freude ausdrückte, interessierte die Wissenschaftler des neunzehnten Jahrhunderts.

Am Ende des neunzehnten Jahrhunderts begannen die Kriminalwissenschaften das Lächeln in ihre Beschreibungen von Kriminellen aufzunehmen, aber hier war das Lächeln entweder ein Symptom von Wahnsinn oder von Bosheit. Kriminologen aus ganz Europa - Cesare Lombroso, Enrico Ferri, Havelock Ellis und Alexandre Lassagne - beschrieben dieses Lächeln als verschlagen, falsch, heimtückisch oder zynisch. Während sich diese Bandbreite von Lächeln auch in der Literatur findet (man muss nur an Shakespeares Beschreibung von Claudius in Hamlet denken: "O Schurke, lächelnder, verdammter Schurke!"[13]), waren sie für die medizinischen Wissenschaftler Zeichen, die interpretierbar waren und die helfen konnten, Schuld festzustellen. Ein Physiologe merkte an, dass das "böse Lächeln" der Kriminellen "einen Blick auf die fehlende Beziehung zwischen dem wahren Zustand ihres Gewissens und ihrem imitierten Ausdruck" ermögliche.[14] Dieses skrupellose kriminelle Lächeln wurde mit dem vorsätzlichen – wenngleich möglicherweise auch wahnsinnigen – kriminellen Vorhaben des anarchistischen Terroristen des neunzehnten Jahrhunderts verknüpft, dessen Hauptmerkmal sein "satanisches (oder idiotisches) Lächeln" wurde.[15] Die Verweise auf Luchenis Lächeln waren nicht nur Beschreibungen seines Gesichtsausdrucks.  Durch die Betonung seines Lächelns bezogen sich die wissenschaftlichen und populären Kommentatoren auf die gegenwärtigen Diskurse, die politische Verbrechen und Heimtücke mit dem Lächeln in Verbindung brachten.

 

Wie kann das Historisieren von Gefühlen zu einem besseren Verständnis von Geschichte führen?
Ist es von Bedeutung, dass Lucheni lächelte nachdem er Kaiserin Elisabeth ermordete? Inwiefern vertieft sein Lächeln unser Verständnis des politischen Mordes im neunzehnten Jahrhundert bzw. von der Geschichte krimineller Emotionen im Allgemeinen? Ein Lächeln kann auch eine soziale und emotionale Praktik sein, die eine politische Strategie bestimmt. Im Fall des anarchistischen Attentats im neunzehnten Jahrhundert waren Lächeln und Lachen ein Körperausdruck, der den öffentlichen Reaktionen von Schock, Horror und Traurigkeit trotzte und damit auch dem Rechtssystem, das Reue und Zerknirschung erwartete. Lächeln und Lachen waren Möglichkeiten, die politische Ordnung zurückzuweisen, indem sich gegen die durch den Staat vorgegebenen Gefühle gesträubt wurde.

Die gute Laune von Luigi Lucheni während seines Prozesses und sein Lächeln, das sowohl im Gerichtssaal als auch außerhalb wahrgenommen wurde, kann als eine solche politische und emotionale Strategie und als Affront gegen die herrschende "Gesichts-Ordnung" interpretiert werden. Lucheni behauptete, dass er glücklich (contento) über den Tod der Kaiserin war. Schließlich sei er, so erinnerte er die Interviewer nach seiner Verhaftung, ein Anarchist. Lucheni suchte entsprechend seiner politischen Agenda der "Propaganda durch die Tat" auch sehr bewusst die Öffentlichkeit: er wollte jemanden töten, um in die Zeitungen zu kommen. Und in der Tat erschien dann dieses Foto mit einem in die Kamera lächelnden Lucheni. Ebenso hatte die wissenschaftliche Interpretation von Lucheni's Gefühlen ein politisches Gewicht. Dadurch, dass sein Lächeln als ein Symptom seiner Psychologie beschrieben wurde, das nichts mit seinen politischen Absichten zu tun hatte, wurde mit apolitischen wissenschaftlichen Ansichten Luchenis politische Position delegitimiert und sein Lächeln auf einen rein emotionalen und möglicherweise wahnsinnigen Ausdruck reduziert.  

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Fotografien haben die Macht, emotionalen Ausdruck sowohl festzuhalten als auch zu vermitteln. Trotzdem entstehen Fotografien sowohl vor als auch nach der eigentlichen Aufnahme immer durch menschliches Eingreifen. Objektiv erscheinende dokumentarische Fotografien könnten auch aus verschiedenen Aufnahmen desselben Sujets herausgesucht worden sein (ein sehr gutes Beispiel hierfür wäre das berühmte Bild von Dorothea Lange "Heimatlose Mutter" von 1936).[16] Ebenfalls kann die Interpretation eines Bildes auch Anlass einer strengen Prüfung und Debatte werden (so wie bei den Fotografien der elektro-stimulierten Gesichtsausdrücke von Duchenne de Bouogne geschehen).

Im vorliegenden Foto scheint Luigi Lucheni ganz bewusst in die Kamera zu lächeln und sein ständiges Lächeln während seiner Haft und seines Prozesses wurde auch von Beobachtern als auffällig und verstörend empfunden. Die bildlichen und textlichen Dokumente von Lucheni's Lächeln tragen zur Geschichte des abweichenden Lächelns bei, die im neunzehnten Jahrhundert begann und sich im zwanzigsten Jahrhundert weit verbreitete. Das Lächeln, das den akzeptierten sozialen Sitten widersprach, wurde als Beweis für einen kriminellen Charakter angesehen und zunehmend auch für die Beziehung zwischen Wahnsinn und abweichendem Verhalten. Es war ein körperliches Anzeichen von vielen, die Ärzte und Sozialwissenschaftler im neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhundert als Beweis für einen kriminellen Charakter ansahen.  

Bilder haben die Kraft, Emotionen zu wecken oder emotionale Interpretationen zu formen und diese Fotografie trägt zur Geschichte des lächelnden Mörders als kulturelle Stilfigur bei. Obwohl dieser Beitrag das zwanzigste Jahrhundert nicht abdeckt stellt sich durchaus die Frage, wie Abbildungen eines lächelnden Mörders Abweichung, Krankheit und fragwürdige Berühmtheit markieren: Ted Bundy, Charles Manson, James Holms und Anders Behring Breivik wurden alle mit einem Lächeln abgebildet. Das Bild des lächelnden Mörders findet sich auch in der Bildenden Kunst, in der Literatur und im Film. Die Guy Fawkes-Maske, Batman’s Joker, Hannibal Lecter aus Das Schweigen der Lämmer, oder Pennywise in Stephen King’s Es sind nur einige fiktionale Charaktere aus dem Mainstream der Anglo-Amerikanischen Kultur, die auf dem schmalen Grat zwischen dem Bösen und dem Wahnsinn wandeln und in der ganzen Welt populär sind.

Im neunzehnten Jahrhundert wurden Prozesse der nationalen Einheit und zunehmender demokratischer Teilhabe von politischen Bewegungen begleitet, die die Legitimation des europäischen politischen Establishments zurückwiesen. In der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts wurden einige der Befürworter des Anarchismus, die Gewalt als eine Form des politischen Ausdrucks verwendeten, mehr und mehr gefürchtet und sensationalisiert. Gleichzeitig erlaubten die Zunahme von populären Medien und die Entwicklung der Fotografie, sowohl im künstlerischen als auch im wissenschaftlichen Kontext, Bilder wie das von Lucheni in einer neuen Art und Weise zu betrachten und weiter zu verbreiten. Die Art, wie wir heute Bilder von lächelnden Mördern ansehen, kann zurückverfolgt werden zu den wissenschaftlichen Diskursen um das Bild von Luigi Lucheni, die die Beziehung zwischen Abweichung, Wahnsinn und einem unheimlichen Lächeln betonten.

 

Weiterführende Literatur

  • Peter Burke, Eyewitnessing. The Uses of Images as Historical Evidence (Cornell: Cornell University Press, 2001).
  • Wilhelm Heitmeyer, Heinz-Gerhard Haupt, Stefan Malthaner, Andrea Kirschner, eds, Control of Violence: Historical and International Perspectives on Violence (New York: Springer, 2011).
  • Richard Bach Jensen, The Battle Against Anarchist Terrorism: An International History, 1878-1934 (Cambridge: Cambridge University Press, 2014).
  • Richard Bach Jensen, “The International Campaign Against Anarchist Terrorism, 1880-1930s,” Terrorism and Political Violence (January 2009), 89-109.
  • Colin Jones, The Smile Revolution in Eighteenth Century Paris (Oxford: Oxford University Press, 2014).
  • Beatriz Pichel, “From Facial Expressions to Bodily Gestures: Passions, Photography and Movement in French 19th-Century Sciences,” History of the Human Sciences 29, 1 (2016): 27-48.
  • Angus Trumble, A Brief History of the Smile (New York: Basic Books, 2004).

[1] Paul Ekman ist einer der bekanntesten heutigen Verfechter von universalen Emotionen. Siehe Paul Ekman, Emotions Revealed: Understanding Faces and Feelings (London: Weidenfeld & Nicolson, 2012). Für andere Ansichten zu dieser Debatte siehe Robert C. Solomon, ed, What is an Emotion?: Classic and Contemporary Readings, 2nd edition (Oxford: Oxford University Press, 2003).

[2] "The smile (1)" Sourire, kuratiert von Thomas Galifot, (2016). Musée d’Orsay, Paris, France.

[3] Ingmar Bergman, The Passion of Anna (United Artists, 1969). Die gesamte Szene beginnt bei 51:20 und die hier beschriebene Situation bei 53:45.

[4] Historiker haben unterschiedliche Wege entwickelt, visuelle Kultur als historische Belege zu betrachten und nicht nur als Illustrationen. Zwei wichtige einflussreiche Werke in dieser Diskussion sind John Berger, Ways of Seeing (London: Penguin, 1973) und Susan Sontag, On Photography (Harmondsworth: Penguin, 1978). Beide Texte sind online erhältlich.

[5] Henri de Weindel, Francis Joseph. Francois-Joseph Intime (Paris: Librairie Félix Juven, 1905).

[6] Paul-Louis Ladame, Emmanuel Régis, Le Régicide Lucheni: Étude d’Anthropologie Criminelle (Paris: A. Maloine, 1907), 21, 6.

[7] Für einen aktuellen Überblick über diese Debatten siehe Jan Plamper, Geschichte und Gefühl. Grundlagen der Emotionsgeschichte (München: Siedler Verlag, 2012).

[8] Siehe Colin Jones, "Introduction," The Smile Revolution in Eighteenth Century Paris (Oxford: Oxford University Press, 2014), 1-15.

[9] Mark G. Frank und Paul Ekman, "Physiological Effects of the Smile," Directions in Psychiatry 16, no. 25 (December 1996): 2.

[10] Siehe beispielsweise David G. Horn, The Criminal Body: Lombroso and the Anatomy of Deviance (New York: Routledge, 2003); Thomas Dixon, From Passions to Emotions: The Creation of a Secular Psychological Category (Cambridge: Cambridge University Press, 2006); Otniel E. Dror, Bettina Hitzer, Anja Laukötter, Pilar León-Sanz, eds, "History of Science and the Emotions," Special Issue, Osiris, 31 (2016).

[11] Charles Darwin, Expression of the Emotions in Man and Animals (London: John Murray, 1872), 255. Deutsche Übersetzung: Idem, Der Ausdruck der Gemütsbewegungen bei dem Menschen und den Tieren. Kritische Edition. Paul Ekman, ed., Julius Victor Carus, Ulich Enderwitz, trans. (Frankfurt: Eichborn Verlag), 282.

[12] Paolo Mantegazza, Fisiologia del Piacere (Milan: Bernardoni, 1867); Paolo Mantegazza, Fisiologia del Dolore (Florence: Felice Paggi, 1880).

[13] 1. Akt, 5. Szene. William Shakespeare, Hamlet, trans. August Wilhelm von Schlegel, Volltext online erhältlich.

[14] José Ingenieros, La Simulazione della Pazzia in Rapporto alla Criminologia: la Medicina, ecc., ecc., 157.

[15] Walter Laqueur, A History of Terrorism (New Brunswick & London: Transaction Publishers, 2012), 3.

[16] Dorothea Lange, "Migrant Mother," Library of Congress, February 1936. LC-USF34-9058C.

Zitierweise

Daphne Rozenblatt. "Das Lächeln des Attentäters: Gesichtsausdruck als politischer Ausdruck", in Geschichte der Gefühle - Einblicke in die Forschung, Oktober 2016, DOI: 10.14280/08241.49