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"Grausamkeit nimmt den Platz der Liebe ein": Laterna Magica und The Band of Hope

© The Livesey Collection, University of Central Lancashire, Preston, UK

von Stephanie Olsen

Ephemeren können – besonders für Emotionshistoriker – ein wahrer Schatz sein. Mit ihrer Hilfe gelangen wir von Quellen, die für die Nachwelt aufgehoben wurden auf verschiedenen Wegen an die emotionale Beschaffenheit von Akteuren oder Ereignissen.

Das vorliegende Ephemera – ein Lichtbild einer Laterna Magica ist zufällig erhalten geblieben, lange nachdem die dazugehörige Technologie verschwand. Bevor Filme und Computer aufkamen war die Laterna Magica ein beliebtes Unterhaltungsmedium mit dem oftmals auch erzieherische Botschaften verknüpft wurden. In der Viktorianischen und Edwardianischen Zeit war der Projektor allgegenwärtig. Da es aber spezieller technischer Voraussetzungen bedurfte um die Laterna Magica zu benutzen, war sie auch etwas Besonderes. Die britische Band of Hope-Bewegung machte von diesem Medium umfassend Gebrauch. Seine Hauptverbände, unter denen die lokalen Gruppen organisiert waren, hatten einen sehr gut organisierten Verleih von Lichtbildern und Projektoren. Aber was kann ein staubiges Bild Historikern der Emotionsgeschichte über die Motive der Kinder oder Erwachsenen erzählen, die in dieser Bewegung aktiv waren?

In meiner Forschung untersuche ich wichtige historische Versuche die "richtigen" Emotionen in Jungen zu kultivieren und Männlichkeit und zukünftige Vater- und Staatsbürgerschaft zu propagieren.[1] Das Band of Hope ist ein wichtiger Teil dieser Geschichte. Sie war eine einflussreiche, multi-konfessionelle, hauptsächlich aus der Arbeiterklasse stammende Abstinenzbewegung in Großbritannien. Zu ihren Hochzeiten 1914 zog sie mehr als 3 Millionen Jungen und Mädchen an.[2] Laut Charles Wakely, dem Generalsekretär der United Kingdom Band of Hope Union, differierte das Alter in den verschiedenen Gruppen, aber in den meisten Band of Hope wurden die Mitglieder mit 7 Jahren aufgenommen und wechselten im Alter von 14 Jahren in die Erwachsenengruppen, in denen die Aktivitäten an ihre "gewachsene Intelligenz und veränderten Denkgewohnheiten" angepasst wurden.[3] Die Mitgliedschaft war an Bedingungen geknüpft und hing von einer schriftlichen Abstinenzverpflichtung und der Befolgung der Regeln ab, die sich jede Gruppe auferlegte. Die hauptsächlich verwendete Verpflichtungserklärung lautete: "Ich verspreche, keine berauschenden Getränke zu mir zu nehmen". Für das Band of Hope war dieses Versprechen zentral: "Der Unterzeichnende hatte das Gefühl einer von vielen zu sein, die sich auf demselben Kreuzzug befanden. Wenn er später in seinem Leben versucht, seine Versprechen zu halten und Versuchungen zu widerstehen, wird er in seinem moralischen und spirituellen Charakter gestärkt sein."[4]

Obwohl es zu damaliger Zeit eine in der Ober- und Mittelklassen weitverbreitete Besorgnis gab, dass die Arbeiterklasse moralisch und körperlich degeneriert sei, wäre es zu einfach zu behaupten, dass das Band of Hope eine von oben initiierte Reformbewegung für die Arbeiterklasse war. Es waren vielmehr Angehörige der Arbeiterklasse selbst, die erkannten, dass eine moralische und körperliche Reform innerhalb der eigenen Gemeinschaften beginnen musste und dies bereits in jungen Jahren. Für die Kultivierung der Emotionen der jungen Menschen waren die wöchentlichen Treffen und das Lesematerial der Bewegung essentiell.

Als entscheidend wurde die emotionale Bindung zu anderen Kindern und zu den Leitern der Gruppen betrachtet, von denen die meisten in ihrer Kindheit selbst das Gelöbnis abgelegt hatten. Zusammengehörigkeitsgefühl und gemeinsamer Wille sollten Stolz und Glück erzeugen, wenn die Anhänger den moralischen Geboten der Bewegung folgten und negative Gefühle verstärken, wenn ein Kind von den Idealen abwich. Dies wurde vermutlich mittels persönlicher Interaktion innerhalb der Gruppe und der Gemeinschaft erreicht, aber es wurde auch durch die Rhetorik in den Veröffentlichungen der Bewegung und der Rezitation durch ihre Mitglieder verstärkt. Dieses Gemeinschaftsgefühl könnte auch "den emotionalen Zugriff der Kirche auf die Menschen in späteren Jahren" erklären.[5] Viele Geschichten, Lieder und Gedichte versuchten neben den negativen Gefühlen, die an das Gewissen gekoppelt wurden, auch Gefühle von Verlegenheit und Mitleid, aber auch innere Stärke in den Kindern hervorzurufen, deren Eltern (besonders die Väter) vom moralischen Ideal abwichen.

Die erste Gruppe des Band of Hope wurde 1847 in Leeds mit dem Ziel gegründet, Jungen und Mädchen über die Eigenschaften von Alkohol und die Folgen seines Konsums zu unterrichten. Die Gruppen organisieren wöchentliche Treffen mit Musik, der Vorführung von Lichtbildern, Wettbewerben und Vorträgen über die Bedeutung der totalen Abstinenz. 1855 gab es bereits so viele lokale Gruppen, dass ein Londoner Dachverband gegründet und 1864 zu einem landesweiten Verband, die United Kingdom Band of Hope Union ausgeweitet wurde. Ebenso formierten sich bedeutende regionale Verbände wie die von Lancashire, Cheshire und Yorkshire. Die zunehmende Unterstützung der Abstinenzbewegung durch Kirchen aller Konfessionen gab diesen Kinderorganisationen vor allem in den 1880er Jahren großen Auftrieb zu expandieren. Zusätzlich zu den Treffen gab es nun viele Publikationen, die mit der Band of Hope-Bewegung assoziiert wurden. Die qualitativ und inhaltlich besten und auch am weitesten verbreiteten Publikationen war die Band of Hope Review (1851- c.1936), die in Verbindung mit der United Kingdom Band of Hope Union stand, sowie Onward (1865- c.1964), die in Manchester von der Lancashire and Cheshire Band of Hope Union publizierte wurde.

Für die Bewegungwar es wichtig, die Kinder zu erreichen während sie noch emotional formbar waren, um zu verhindern, dass sie so enden wie die moralisch verkommenen Eltern, die in den Geschichten in den Veröffentlichungen von Band of Hope beschrieben wurden. Der Unterricht über die Verbesserung und Kontrolle der Gefühle bestand aus häufigen Wiederholungen der emotionalen und moralischen Lektionen in den Meetings und den Veröffentlichungen der Band of Hope.

Sowohl Jungen als auch Mädchen wurden angehalten "nicht vorschnell über andere zu richten; bescheiden und mildtätig in Geist und Tat gegenüber allen zu sein, die anders sind, aber nichtsdestotrotz festzuhalten am eigenen Gelöbnis".[6] Jungen wurden als zukünftige Väter und Staatsbürger besonders angesprochen und ersucht frühzeitig zu lernen, ein Mann zu sein.

Diese Botschaft – wie so viele andere auch – wurde über das Erzählen von Geschichten vermittelt. Eine dieser Geschichten war "As Boy and Man" aus der Band of Hope Review von 1884. In ihr werden die Ideale von "wirklicher" Männlichkeit mit denen der "rohen" Männlichkeit verglichen, die Jungen unabhängig von ihrem sozialen Status zu beeindrucken schien – formuliert als eine Frage physischer versus emotionaler Stärke. Die Protagonisten waren Schüler aus der Mittelklasse. Jack, ein junger Abstinenzler, und Philip, ein älterer Junge der trank. Philip sagte über Jack: "Ein Abstinenzler ist ein Petzer; die sind alle hinterhältig und jämmerlich, ohne einen Funken Männlichkeit. Sie haben keinen Schneid und sind nichts weiter als armselige Lumpen."

Er versucht, Jack mit Gewalt Wein einzuflößen, verletzt ihn dabei mit dem Glas im Gesicht und wird der Schule verwiesen. Jahre später rettet Jack das Leben von Philip, der, verarmt durch Alkohol und Glückspiel, Selbstmord begehen will. Am Ende ist natürlich der emotional schwache Junge auch der körperlich schwächere Mann. Die Geschichte endet mit den Worten Philips: "Was wäre geschehen, wenn Jack als Junge nachgegeben hätte, er überredet oder mit Gewalt gezwungen worden wäre?" Der Erzähler lässt ihn selbst die didaktische Antwort geben:

… sicherlich wäre Böses geschehen. Es ist wichtig für die Jungen darüber nachzudenken. Wenn Du weißt, dass Du richtig handelst, bleibe stark darin. Widerstehe der Versuchung. Lass Dich weder überreden noch zwingen, das Falsche zu tun. Trotzdem vertraue nicht in Deine eigene Stärke, das wäre reine Schwäche. Vergiss nie, dass Du ohne Gott nichts machen kannst.[7]

Ganz offensichtlich wird Jack als der wahre Mann gezeigt, der zugunsten der positiven Charakterzüge der Männlichkeit den Lastern entsagt. Letztendlich ist er derjenige, der den "Schneid" hat. Sein Status, der nicht über seine soziale Herkunft hergeleitet wird (hier stammen beide Jungen aus der Mittelklasse), wird durch seinen Charakter bestimmt. Im Allgemeinen, wie auch in dieser Geschichte, waren Charaktereigenschaften fest in christlichen Idealen verankert. Wichtiger noch war, dass die Religiosität der Jungen ihnen durch die schwierige Zeit der Mannwerdung hindurch half. Eine feste, persönliche Beziehung mit Gott war unabdingbar für wahre Männlichkeit und bot die notwendige emotionale Stärke, Versuchungen zu widerstehen und Gewalt zu verhindern.

Dies führt uns zurück zum vorgestellten Lichtbild: Der Text darauf wurde offensichtlich aufgrund seiner gewichtigen Botschaft und aufgrund der Autorität seines Verfassers ausgewählt. Sir Robert Parr (1862–1931) war der zweite Vorsitzende der National Society for the Prevention of Cruelty to Children (gegründet 1884 als die London SPCC). Trunksucht war hier das Thema, und das nicht so sehr wegen ihres Potenzials körperlich oder wirtschaftlich zerstörend zu wirken, sondern weil durch sie die wahren Gefühle der Eltern gegenüber ihren Kindern oder ihr "wahrer elterlicher Instinkt" zerstört würde. Armut wirke weniger destruktiv für die familiäre "Zuneigung" wie Alkohol. Sicherlich könnten keine Eltern es zulassen, dass "Grausamkeit" den "Platz der Liebe" zu ihren Kindern einnehme.

Der Text des Vorsitzenden einer Organisation, deren Hauptanliegen es war, Gewalt gegen Kinder zu verhindern, erscheint wie eine didaktische Botschaft an Eltern. Im Kontext eines Band of Hope-Treffens ändert sich jedoch die Stoßrichtung, der Ton und auch die gefühlsbetonenden Qualitäten dieses Textes deutlich. Man stelle sich vor, wie ein Kind auf einem Band of Hope-Treffen die Laterna Magica-Vorführung erlebte: dieses Lichtbild war eines von vielen, das immer wieder gezeigt wurde, um die Botschaft der Abstinenz auf mehr oder weniger unterhaltsame Art und Weise deutlich zu machen. Diese Vorführung war für das Kind vielleicht ein besonderes Vergnügen neben den Treffen, die mit Rezitationen, Liedern und Lesungen die Abstinenz und Gottesfürchtigkeit lehrten. Die Wiederholung der Botschaften könnte vielfältige gefühlsbezogene Effekte gehabt haben. Sie könnten von miteinander geteilten Gefühlen der Entschlossenheit und des Mitleids bis zu Langeweile, Angst oder Ärger gereicht haben. Die Popularität der Bewegung (Archivfunde belegen, dass viele Kinder gewissenhaft jede Woche an den Treffen teilnahmen) legt nahe anzunehmen, dass die Stimmung bei den Treffen wahrscheinlich eher freudvoll als gelangweilt oder negativ war. Gerade dieses Lichtbild mag einige Band of Hope-Kinder schmerzhaft daran erinnert haben, dass ihre eigenen Eltern nicht das Ideal lebten. Das Bild unterwies alle Kinder darin – ob sie trinkende Eltern hatten oder nicht – was das Ideal für sie selbst war, wenn sie über ihr zukünftiges Leben als Eltern und Staatsbürger nachdachten. Die Botschaft, dass die Kinder für die Zukunft der Nation entscheidend waren, war allgegenwärtig. Parr selbst schrieb über die Bedeutung von Kindern für die Religion, für das Zuhause und für die Nation:

So wie das Kind eine zentrale Figur in der Religion ist, so wie es die treibende Kraft im Heim ist, so sollte es die größte Hoffnung der Nation sein. Und wenn der nationale Geist sich auf dieses Ideal konzentriert, wird die Nation beginnen ihrer Verantwortung gerecht zu werden.[8]

Die Bilder auf dem Lichtbild, so merkwürdig sie aussehen mögen, sollten ähnliche Gefühle hervorbringen. Das Baby wird mit seinen Spielsachen gezeigt, aber es ist allein, ohne elterliche Unterstützung oder Hilfe. Im unteren Bild weint es und unterstreicht damit seine Verletzlichkeit und sein Bedürfnis, beschützt zu werden. Die Kernfrage des Textes, um den herum das einsame Kind wiederholt abgebildet ist, lautet: Wer oder was wird das Leben des Kindes leiten? Mit der Autorität einer Stimme, die landesweit Misshandlungen bezeugen konnte, fleht der Text die Eltern an, im Namen der Zukunft ihres Kindes abstinent zu bleiben. Die leitende Kraft sollte Liebe sein. Das Medium hingegen, ein Lichtbild, bezog indirekt auch das Kind in seine Mahnung ein. Durch seine physische Präsenz ist es eine Erinnerung an eine noch unbestimmte Zukunft. Dieses kleine Laternenbild im Kontext seines Gebrauchs gesehen, verdeutlicht die historische Beschäftigung mit Maskulinität und Männlichkeit; es zeigt, welche Bedenken am Ende des 19. Jahrhunderts über die persönliche Beziehung zu Gott, die Rolle des Kindes, der Eltern und der Bürger der Nation bestanden und welche Bedeutung die Emotionen bei der Vorbereitung der Jüngeren auf ihre zukünftigen familiären und öffentlichen Rollen hatten.

 

Weiterführende Literatur

  • George K. Behlmer, Child Abuse and Moral Reform in England, 1870-1908 (Stanford: Stanford University Press, 1982).
  • Kelly Boyd, Manliness and the Boys’ Story Papers in Britain: A Cultural History, 1855-1940 (Houndmills: Palgrave MacMillan, 2003).
  • Thomas Dixon, "Educating the emotions from Gradgrind to Goleman," Research Papers in Education 27, no. 4 (1912), 481-495.
  • Monica Flegel, "Changing Faces: The NSPCC and the Use of Photography in the Construction of Cruelty to Children," Victorian Periodicals Review 39, no. 1 (2006), 1-20.
  • Monica Flegel, Conceptualizing Cruelty to Children in Nineteenth-Century England: Literature, Representation, and the NSPCC (Surrey: Ashgate, 2009).
  • Brian Harrison, Drink and the Victorians: the Temperance Question in England, 1815-1872 (Pittsburgh: University of Pittsburgh Press, 1971), 192-4.
  • Annemarie McAllister, "Picturing the Demon Drink: How Children were Shown Temperance Principles in the Band of Hope," Visual Resources 28, no. 4, (2012), 309-323.
  • J.A Mangan, "Muscular, Militaristic and Manly: The British Middle-Class Hero as a Moral Messenger," The International Journal of the History of Sport 13, no. 1, (1996), 28-47.
  • Stephanie Olsen, Juvenile Nation: Youth, Emotions and the Making of the Modern British Citizen, 1880-1914 (London: Bloomsbury, 2014).
  • Lilian Lewis Shiman, "The Band of Hope Movement: Respectable Recreation for Working-Class Children," Victorian Studies 17, no. 1 (1973), 49-74.
  • Lilian Lewis Shiman, Crusade Against Drink in Victorian England (London: MacMillan, 1988), 134-155.
  • John Tosh, A Man's Place: Masculinity and the Middle-class Home in Victorian England (New Haven: Yale University Press, 1999).
  • John Tosh, Manliness and Masculinities in Nineteenth-century Britain: Essays on Gender, Family, and Empire (New York: Pearson Longman, 2005).

 


[2] United Kingdom Band of Hope Union, Annual Report (1914) 6. Diese wichtige Bewegung wurde bisher von Historikern nicht besonders beachtet. Siehe die weiterführende Literatur für beachtenswerte Betrachtungen dieses Themas.

[3] Charles Wakely, Bands of Hope and Sunday Schools (London: United Kingdom Band of Hope Union, 1894), 4.

[4] R. Tayler, Hope of the Race (London: Hope Press, 1946), 40.

[5] Williams Sarah, Religious Belief and Popular Culture in Southwark c. 1880-1939 (Oxford: Oxford University Press, 1999), 156.

[6] Edmund James, "A Talk to the Young," Church of England Temperance Chronicle (1882), 88.

[7] "As Boy and Man," Band of Hope Review (1884), 182-3.

[8] Robert J. Parr, Wilful Waste: The Nation’s Responsibility for its Children (London: NSPCC, 1910), 70.

Zitierweise

Stephanie Olsen, "'Grausamkeit nimmt den Platz der Liebe ein': Laterna Magica und The Band of Hope", in: Geschichte der Gefühle – Einblicke in die Forschung, Oktober 2013, DOI: 10.14280/08241.11